Papst Johannes XXIII. (1881-1963)
Das Zweite Vatikanische Konzil (11. Oktober
1962 bis 8. Dezember 1965)
August
Maria Knoll (1900-1963)
August M. Knoll studierte in Wien und wurde dort Mitglied der Maximiliana Wien im KÖL
und der KÖStV Nibelungia Wien im ÖCV.
Knoll wurde mit der Arbeit Karl
Vogelsang als Nachfolger der Romantik promoviert. Knoll wurde
1932 Privatsekretär von Ignaz Seipel.
1943 habilitierte er sich bei Othmar Spann
mit der Schrift Der Zins in der Scholastik.
Sein im Wiener Europaverlag 1962 erschienenes Werk
"Katholische Kirche und
scholastisches Naturrecht: Zur
Frage
der Freiheit", trug Knoll eine Rüge Kardinal
Königs ein - "er
schlage die Kirche ans Kreuz" . Dieses Dictum hat
den frommen Soziologieprofessor tief getroffen.
Franz Kardinal König (1905-1985)
Obwohl Kardinal König sich vor allem in seinem Alter fast allgemeiner
Anerkennung und Wertschätzung aus Kirche und Gesellschaft erfreute,
erfuhr er bisweilen auch Kritik für verschiedene Positionen und
Entscheidungen. Dazu zählen u.a. der Entzug der Lehrerlaubnis und die
Suspendierung von Adolf
Holl,
die von Kardinal König konsequent betriebene Annäherung an die SPÖ,
seine Förderung des Opus Dei,
die als Relativierung der päpstlichen Lehrposition in der Enzyklika Humanae
vitae
Pauls VI. aufgefasste „Mariatroster
Erklärung“, den Dialog mit der Freimaurerei
sowie seine Rolle in der vatikanischen Ostpolitik. Franz König war
Ehrenitglied der katholischen Studentenverbindung K.Ö.St.V.
Rudolfina Wien im ÖCV.
Friedrich Heer (1916-1983)
Heer promovierte nach geisteswissenschaftlichem Studium 1938 als
Historiker. Zwischen 1938 und 1945 wurde er mehrfach verhaftet. Nach
Kriegsdienst und Widerstandstätigkeit war Heer 1949-61 als Redakteur
der katholischen Wochenzeitschift Die
Furche tätig und fungierte als Mitherausgeber der Zeitschrift
Neues
Forum. Seit 1961 war er Chefdramaturg am Burgtheater. Heers
Bemühungen um eine universitäre Karriere verliefen angesichts des
konservativen Klimas in seinem Fachbereich und des Widerstandes von
Unterrichtsminister Heinrich
Drimmel (K.Ö.H.V. Nordgau Wien im ÖCV) frustrationsreich. 1962 wurde Heer immerhin
Titularprofessor für Geistesgeschichte des Abendlandes an der
Universität Wien. Eines seiner zahlreichen Werke sei
hervorgehoben: Gottes
erste Liebe. Die Juden im Spannungsfeld der Geschichte,
Herbig, 1984.
Heer war Mitglied der K.A.V.
Bajuvaria im ÖCV; seine Entlassung aus der Verbindung war
kontrovers.
Hubert Feichtelbauer (geb. 1932)
Feichtlbauer
war 1984 bis 1992 Pressechef der Bundeswirtschaftskammer.
Von 1979 bis 1991 war er Vorsitzender des Verbands der katholischen
Publizisten Österreichs. 1998 wurde er zum Vorsitzenden der Plattform „Wir sind
Kirche“ gewählt. Er ist Mitglied der
katholischen Studentenverbindung K.Ö.St.V. Kürnberg im ÖCV.
Herbert Kohlmaier (geb. 1934)
befasst sich nach eine Karriere in
der Sozialpolitik
und in der ÖVP-Bundespartei vor allem mit
Fragen der Kirchenreform. Sein jüngstes Buch erschien 2008: "Sprich
weiter zu uns,
Rabbuni - Jesu Wort für unsere Zeit". Kohlmaier
ist Ehrenmitglied der K.Ö.St.V.
Rudolfina im ÖCV und und Sprecher der
amtskirchenkritischen Laieninitiative Österreichs.
Wilfried Daim (geb. 1923)
Neben
seiner Tätigkeit als (poltischer) Psychologe und Publizist hat
sich Wirlfried Daim vor allem als Kunstsammler einen Namen gemacht. Seine
Sammlung österreichischer Maler aus der Zeit zwischen den Weltkriegen
gilt als interessanteste ihrer Art. Daim ist Mitglied der K.Ö.St.V.
Rudolfina im ÖCV. Als sein Hauptwerk ist die 1960
in München erschienene "Kastenlose
Gesellschaft"
anzusehen.
Unter
den zahlreichen linkskatholischen Werken Daims findet sich auch
der mit Friedrich Heer und August
M. Knoll gemeinsam verfasste Band: "Kirche und
Zukunft", Europa-Verlag, Wien, 1963. Der Band enthält Daims Thesen
zur Kirchenreform. Sie
wurden vor kurzem von Herbert
Kohlmaier und Peter Diem kommentiert und im Internet veröffentlicht.
Hier der Text der Wiederveröffentlichung:
Rückkehr
zur Brüderlichkeit - Zur Entfeudalisierung der Kirche
Verfasst von Wilfried Daim (1963) - bearbeitet
von Peter Diem und Herbert Kohlmaier
(2008):
Herbert
Kohlmaier
Ein wahrer Prophet
Was Wilfried Daim
im Jahr 1963, also noch vor dem Konzil, veröffentlicht
hat, weist ihn als wahren Propheten aus. Das Wort beschreibt ja
bekanntlich keinen in die Zukunft blickenden Wahrsager, sondern einen
Berufenen, der die Wahrheit – vor allem gegenüber den Mächtigen –
ungeschminkt ausspricht. Und mächtig war die Kirche damals noch – oder
sie meinte, dies zu sein. 45 Jahre danach ist diese Macht stark
geschrumpft. Die römisch-katholische Kirche ist in eine schwere und nun
schon lange dauernde
Krise geraten. Wäre es anders, wenn Daims
„Forderungen“ erfüllt worden wären?
Freilich muss eingeräumt
werden, dass Manches geschah, was der Prophet aus Österreich nannte,
vor allem als Frucht des Konzils. Die Insignien des Papstes wurden
wesentlich reduziert, der Index wurde abgeschafft und im Jahr 2000 rang
sich Johannes Paul II.
gegen die Bedenken der Kurie zu einem großen
Schuldbekenntnis der Kirche durch. Welche Bestätigung der Worte Daims!
Aber damit ist jene von ihm zu Recht ganz in den Mittelpunkt gestellte
Brüderlichkeit des Rabbi aus Nazareth noch lange nicht wiedergewonnen.
Wäre
vom Vatikanum die Wahl
der Bischöfe eingeführt worden, dann – so sei es
deutlich betont – wäre die Krise der Kirche ausgeblieben oder zumindest
wesentlich weniger dramatisch geworden. Man erinnere sich, dass die
eklatanten Fehlbesetzungen der Diözesen in Österreich gegen Ende der
80er Jahre die Gläubigen entsetzen und das Kirchenvolks-Begehren
auslöste. Jener Kardinal Ratzinger, der es nun zum Papst gebracht hat,
stand hinter der damit beabsichtigten Disziplinierung der Kirche durch
Austreiben eines fortschrittlichen „Ungeistes“.
Die Besetzung
des Stuhles Petri mit dem strengen und von sturer Ängstlichkeit
getriebenen Glaubenshüter aus Bayern bewirkt, dass Daims Träume weiter
Träume bleiben müssen. Das System der römischen Zentrale hat
sich
wieder ganz weit von der Brüderlichkeit Jesu entfernt. Es meint noch
immer, dass das unmündige Volk die nach der konstantinischen Wende
entstandene Staats- und Vorschriftenkirche braucht. Eine Institution,
die den Willen Jesu missachtet, aller Machtausübung zu entsagen und nur
zu dienen.
Doch das durch die Zeiten wandernde Volk Gottes
(Definition des Konzils) nimmt das nicht mehr zur Kenntnis – einen
kleinen Teil der Katholiken ausgenommen, die sich als
unterwerfungssüchtig ausweist. Viele haben die Kirche verlassen und
jene, die aus Überzeugung blieben, warten auf eine Wende. Die nicht nur
erhofft, sondern auch mutig gefordert werden muss! Daims prophetischen
Worte von damals können dazu auch – oder erst recht! – heute noch immer
ermutigen.
|
"Ihr
aber seid alle Brüder."
Jesus von Nazareth (1)
Joseph
Ratzinger (damals Konzilsberater) zeigt in
seiner Untersuchung über die christliche
Brüderlichkeit an einer der wirklich essentiellen Stellen der an
unnötiger latenter Apologetik reichen Arbeit, dass "spätestens vom 3.
Jahrhundert an ... das Wort ,Bruder'
als Benennung der Christen
untereinander immer mehr zurück" ging (2), obwohl dies ursprünglich die
übliche Anrede der Christen gewesen war. Von den Päpsten wurde die
Anrede "Bruder" auf die Hierarchen eingeengt, und bis heute wird diese
Anrede in den Enzykliken nur für Patriarchen und Bischöfe gebraucht.
Ich muss hier sogleich mit dem Einwand, das seien doch nur Äußerlichkeiten,
rechnen. Da dieser Einwand bei einer sehr großen Zahl
der von mir aufgestellten Punkte gemacht werden wird, möchte ich ihm
von allem Anfang an entgegentreten.
Die Wirkung von
Symbolen - Übereinstimmung von innen und außen
Alle Verhaltensformen,
Umgangsformen und Rituale besitzen seelischen Ausdruckswert, haben
einen Bedeutungsgehalt. Der pharaonische Straußenwedel, mit dessen
Hilfe heute noch dem Papst Luft zugefächelt wird, ist ähnlich wie der
Fußkuss oder die Papstkrone für die Schöpfer solchen Zeremoniells
bezeichnend. Nun ist es möglich, dass sich jemand innerhalb eines
Rituals ganz gegen seine innere Auffassung benimmt oder benehmen muss.
So kann sich ein Mann Frauen gegenüber routiniert zuvorkommend benehmen
und sie doch nur als Instrument für die verschiedensten Zwecke ansehen.
Umgekehrt soll ohne weiteres zugegeben werden, dass der größte Teil der
katholischen Priester, wenn sie für sich allein am Altartisch, mit dem
Rücken zum Volk, in beiden Gestalten kommunizieren, damit keinen
Kastengeist gegenüber den sogenannten "Laien", die sie dann am
Kommuniongitter abspeisen, ausdrücken wollen, sondern auf Grund ihrer
Vorschriften hiezu gezwungen sind. Das bedeutet, dass zwischen der
Haltung eines Menschen, die er formal in seiner Funktion einnimmt, und
seiner inneren Überzeugung ein tiefer, oft schmerzlich empfundener
Abgrund klaffen kann. Es mag sich also durchaus hinter feudalen Formen
eine brüderliche Innigkeit verbergen. dass man hinter der Wir-Formel
und
unter der Tiara bei Johannes
XXIII. echte Menschlichkeit spürt, macht
ihn so sympathisch.
Mt 2,8
Ihr aber sollt
euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr
alle aber seid Brüder.
Mt 23,9 Auch
sollt ihr niemand auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer
Vater, der im Himmel.
Mt 23,10 Auch
sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer
Lehrer, Christus.
Mt 23,11 Der
Größte von euch soll euer Diener sein. |
Aber warum
darf er es nicht so gut haben wie Petrus
I., der sich der Anordnung Christi fügen durfte und sich
nicht
Vater, sondern Bruder nannte? Der nicht nur die Patriarchen und
Erzbischöfe, sondern unterschiedslos alle Christen Bruder nannte. Der
die Vorwürfe, die ihm die Judenchristen wegen der Aufnahme der ersten
Heiden in die Kirche machten, nicht etwa mit Exkommunikation verfolgte,
sondern sich die Mühe machte, jenen, die ihn duzten, ausführlich seine
Gründe darzulegen. Im übrigen ließen sich diese überzeugen. Warum soll
Johannes XXIII. durch eine Etikette gezwungen werden, der
Auffassung Petrus I.
zuwiderzuhandeln, nach welcher es keinem Menschen zusteht,
eine Unterwerfung ausdrückende Geste - das Zu-Füßen-Werfen -
entgegenzunehmen?
"Steh auf,
auch ich bin nur ein Mensch", heißt es in
der Apostelgeschichte (10, 26).
Warum soll also hinter
unchristlicher Feudalfassade die Brüderlichkeit
versteckt und daran
gehindert werden, ihren Ausdruck zu finden. Denn zur Wahrhaftigkeit der
Haltung gehört eine Übereinstimmung zwischen außen und innen, zwischen
der Persönlichkeit und ihrem Gehabe. Die christliche Brüderlichkeit
soll nicht hinter einer Fassade ein Leben im Gefängnis führen, sondern
sich äußern, ausdrücken dürfen. Wozu eine Fassade, die das Gegenteil
dessen ausdrückt, was Christentum ist? Natürlich gibt es auch die
Möglichkeit, Brüderlichkeit zu demonstrieren und innerlich höchst
unbrüderlich zu sein. Aber das setzt die Bedeutung der äußeren
Verhaltensnormen nicht herab.
Richtig und wichtig ist die Übereinstimmung von außen
und innen.
Kritik an Institutionellem und Formalem, an
"Äußerlichkeiten",
muss getrennt werden von der Kritik an Personen. Auch
bei besten und brüderlichsten Formen werden einzelne gegen den in ihnen
ausgedrückten Geist verstoßen. Was hier geschieht, ist Kritik an
kollektiven kirchlichen Normen, nicht an Einzelpersonen (3). Auch wenn
die
überflüssige Tiara noch so gut auf den markanten Bauernkopf von
Johannes
XXIII. passt, sie bleibt ein Feudalsymbol und erschwert
ihm das Darleben
ursprünglicher Menschlichkeit. Der christusfeindliche Feudalismus übt
einen seelischen Druck auf die Menschen aus und wird schwächliche
Persönlichkeiten knicken und verbiegen. Ein Bischof, der sich selbst
nur noch prunkvoll, goldumrandet in venezianischen Spiegeln sieht, der
über Treppen nur noch schreitet (die barocken Stufen sind so
niedrig) und der, nachdem er hundertmal versucht
hat, sich
nicht die Hand küssen zu lassen, dies nun endlich geschehen läßt,
ergibt sich schließlich in die aufgezwungene Rolle. Nur starke
Persönlichkeiten werden dagegen durch- und aushalten.(4)
All das zum "bloß" Äußerlichen.
Der
Bruderbegriff
Christus
ist ein Bruder-, keinesfalls ein Vatertypus. Das Wort Vater reserviert
er ausschließlich für Gott und sagt demnach zu den künftigen
Erzbischöfen einschließlich des künftigen Papstes: "Auch Vater nennt
keinen von euch auf Erden, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel
ist" (Mat. 23, 9-10), selbst ein klares Beispiel gebend.
Natürlich geht
es hier nicht um die Funktionsbezeichnung in der Familie, sondern um
den Vatertitel in der Gesellschaft. An der gleichen Stelle heißt es:
"Ihr aber seid alle
Brüder." (Mat. 23, 8). Was hat es nun mit dem
Gebrauch des Wortes Vater beziehungsweise Bruder auf sich? Der Vater in
der Familie ist dem Kleinkind in allen Wertkategorien überlegen, nur
nicht im Hinblick auf die Entwicklungspotenz. Zwischen Vater und Kind
besteht ein essentieller Unterschied. Dort eine Wert-Akkumulierung,
hier eine Wertarmut. Der Vaterbegriff
als Titel verwendet impliziert
eine vielfaltige Überlegenheit, die der absoluten
Überlegenheit Gottes
im kindlichen Erleben nahe kommt.
Der Bruderbegriff hingegen
differenziert nicht dermaßen einschneidend zwischen den Menschen. Auch
unter Geschwistern gibt es Über- und Unterlegenheiten, doch sind sie
viel weniger tiefgreifend. Die gegenseitigen relativen Überlegenheiten
sind weniger ausschlaggebend, bezeichnen ein viel geringeres Gefälle
von Mensch zu Mensch. Während nun Gott alle Wertfülle in sich vereinigt
und damit Vater und noch mehr als das ist, ist menschliche Autorität
eine höchst relative, einschließlich der kirchlichen Funktionäre, immer
nur eine sehr begrenzte. Im allgemeinen sind Menschen einander
korrespondierend, in dieser oder jener Hinsicht, überlegen. Für diese
Relation ist das Brudersymbol viel geeigneter. Die Differenzen sind
geringer, die Ungleichheiten unwesentlich. Der jeweils ältere Bruder
zeigt zwar größere Überlegenheit, doch führt diese nie zu solchen
Wesensunterschieden wie die Feudalhierarchie sie aufweist. Nicht
umsonst arbeitete daher die Feudalgesellschaft mit dem Vatermodell, die
bürgerliche Demokratie hingegen mit dem Brudermodell. Christus
verlangt, dass seine
Apostel - die Gesandten - mit dem Bruderbegriff
auftreten und nicht mit dem Vaterbegriff. Tatsächlich
konsolidierte
sich der Vaterbegriff als Autoritätsbezeichnung in der Kirche mit dem
Einbruch des byzantinischen und erst recht des germanischen
Feudalismus. Indem Konstantin
die Bischöfe (die spätere Bezeichnung für
Apostel) zu Eminenzen machte, feudalisierte er sie und erstickte damit
den Sozialrevolutionären Impuls des Christentums. Die Schuld liegt
jedoch keineswegs allein bei Konstantin, denn die Hierarchen waren ja
nicht gezwungen, die Feudalisierung anzunehmen. Wie bei den frühen
Sozialisten Orden und Ehrenzeichen verpönt waren, so auch bei den
frühen Christen. Aber wie später Sozialisten und Kommunisten der
Versuchung nicht widerstanden, so auch die Christen.
Wenn
wir also
zur ursprünglichen Reinheit der Christenheit zurückkehren wollen - Johannes XXIII. (+
3. Juni 1963) stellte diese Aufgabe dem Konzil -, heißt es den
ursprünglichen, brüderlichen Geist beschwören und zugleich den zutiefst
unchristlichen Feudalismus, der das Antlitz der Kirche seit mehr als
anderthalb Jahrtausenden bestimmt, wiederum auszuscheiden. Entfeudalisierung im Namen der
neuen Verbrüderung der Christen ist der
Grundzug aller Forderungen, die hier erhoben werden.
Ich bin zutiefst
überzeugt, dass eine solche Haltung anderen Problemen grundsätzlich
dienlich wäre, so dem Weltfrieden, der Begegnung mit den
andersgläubigen Christen und vielem mehr.
Ich möchte nun in Hinblick
auf frühere Veröffentlichungen punktweise meine Thesen vortragen und
jeweils kurz kommentieren (5).
Ich möchte hier bemerken, dass diese
Thesen vor Beginn des
Konzils - bewusst pointiert - aufgestellt wurden.
Es ist sicher, dass das Konzil im großen die Richtung der meisten
Thesen
verfolgt, wenn auch der notwendigerweise schwerfällige Apparat nur
schrittweise in der angegebenen Richtung vorwärts kommt. Dort, wo
das Konzil oder wesentliche Träger desselben sich in die angezielte
Richtung vorwärtsbewegen, fügte ich nun nach der ersten Session dem
ursprünglichen Text noch entsprechende Hinweise bei.
Entfeudalisierung
Unter
Entfeudalisierung verstehe ich die umfassende Ausscheidung einer dem
Ursprung des Christentums völlig fremden Lebens- und Herrschaftsform,
die unter Einfluss des Byzantinismus und des germanischen Feudalismus
sich innerhalb der Kirche ausbreitete und dem Zeremoniell, das umfassende Brüderlichkeit
(heute: Geschwisterlichkeit - pd) ausdrückt, zutiefst zuwiderläuft. Die
nach
Ausdruck ringende Verbrüderungstendenz müßte daher befreit und ihrem
schöpferischen Wirken Raum gegeben werden. Nach einer Meldung des
Wiener Kirchenblattes sagte Kardinal Montini (= Paul
VI. 1963-1978), dass die Kirche den
"purpurnen Königsmantel
ablegen und der Welt in Gestalt einer Magd
entgegentreten müsse". Dies bedeutet im ganzen gesehen
dasselbe, was
ich unter Entfeudalisierung verstehe, nur ist es im gehobenen
Predigerstil formuliert. Ähnliches sagte später auch der
österreichische Bischof Josef Schoiswohl (1901-1991).
Im besonderen wären folgende
Maßnahmen Ausdruck der Entfeudalisierung:
1.
Reduktion des Vatertitels
Verringerte Verwendung des
Vatertitels, wenn nicht überhaupt seine Ersetzung durch den Bruderbegriff, der
für alle Christen in gleichem Maße signifikant sein
müßte, wie für die französischen Revolutionäre das Wort "Bürger" oder
für die sozialistischen Parteien das Wort "Genosse". Die universelle
Brüderlichkeit ist der eigentliche, revolutionäre Sprengstoff des
Christentums. Dass sie (mit schlechtem Gewissen)
aufgegeben wurde, ist
eine schwere Schuld. Die revolutionären Werte Freiheit - der Hauptwert
liberaler "Bürger" - sowie Gleichheit - der Hauptwert proletarischer
"Genossen" - sind rechte und linke Flankenwerte der Brüderlichkeit.
Insofern sind sie auch über die Brüderlichkeit heimholbar.
Das Wort
"Bruder" ist daher mit Recht den Worten "Bürger" und "Genosse"
vergleichbar.
2. Schuldbekenntnis
Ein umfassendes Schuldbekenntnis des Papstes im
Namen seiner christlichen Brüder für
die Untaten der Kirche an den
Juden, den Islamiten, den Heiden, den eigenen Mitgliedern, die zu
Unrecht verfolgt, gemartert, indiziert etc. wurden, an den Sklaven, den
Farbigen, an den Kastrierten um des schönen Gesanges willen, an den
Kaisern, die man zu Funktionären des Papstes machen wollte, an den
Bürgern, am Proletariat etc. für alle Handlungen und für alle
Unterlassungen. Der Papst soll sie alle um Vergebung bitten.
Hier
wird eingewendet - obwohl man gerne bereit ist, kirchliche Schuld
zuzugeben -, dass die Kirche nicht allein immer schuld habe, dass auch
die Protestanten und alle übrigen sie trügen. "Die Beurteilung von
Fehlern der Kirche in der Vergangenheit wird aber doch immer im Lichte
der historischen Voraussetzungen und Bedingungen verstanden, wenn auch
nicht entschuldigt werden müssen", lautete eine Antwort
auf meinen
Vorschlag (6). Man kann
aber nur eigene Schuld bekennen und nicht die der
andern. Man muss es der Anständigkeit und der
Herzensoffenheit der
andern überlassen, mit einem Gegenschuldbekenntnis zu folgen. Ohne
Augenzwinkern und ohne Seitenblick auf mögliche Schuldbekenntnisse der
andern hat die höchste moralische Autorität sich gerade im
Schuldbekenntnis, dem eine umfassende Gewissenserforschung voranzugehen
hat, als solche zu dokumentieren. dass die jeweiligen Gegner nicht
immer
Engel waren, ist ohnehin selbstverständlich.
Ein anderer Einwand ist, dass
man die Kirche von heute nicht für die Untaten der Vergangenheit
verantwortlich machen könne -
so der "Speckpater" P.
Werenfried
van Straaten in einer Aussendung. Das ist scheinbar
wahr. Die
psychologischen Folgen alter Untaten wirken sich aber heute noch aus.
Wir, die heutige Kirche, müssen uns mit den Taten der alten Kirche
identifizieren, denn wir sind eine Gemeinschaft und haben "einer des
anderen Last" zu tragen. Wir müssen die Schuld unserer
Vorgänger in der
eigenen Gruppe und die der Gegner übernehmen. Ohne solches
Schuldbekenntnis wird es nicht zur Überbrückung der Gegensätze zwischen
den getrennten Christen, geschweige denn zu den außerhalb des
Christentums stehenden Menschen kommen. Das "Confiteor" am
Beginn der
Messe und vor der Kommunion ist unglaubwürdig, wird es nicht umfassend
im Sinne des vorher Gesagten ergänzt.
Im Anschluss an die erste
Session des Konzils hat Kardinal Augustin Bea
in einer vielbeachteten
Rede unter anderem erklärt:
"Eine andere Verirrung
falsch verstandener
Liebe zur Wahrheit waren die schmerzlichen Religionskriege, da man im
Namen der Wahrheit versuchte, gewisse Überzeugungen anderen Menschen
mit Gewalt aufzuzwingen, dabei aber eine Tatsache vergaß, die nicht
weniger grundlegend ist als die Liebe zur Wahrheit: nämlich die
menschliche Freiheit (7)."
Das sind goldene Worte, die eine Absage an
die Ritterordensmethoden darstellen und ein partielles, jedoch
außerordentlich wichtiges Schuldbekenntnis implizieren. Es ist dies
nicht nur ein gutes Beispiel für andere Konfessionen, sondern auch etwa
für die Kommunisten.
Natürlich geht die hier vertretene Forderung viel weiter als
die Äußerung Kardinal
Beas, doch handelt es sich hier
sicherlich um einen äußerst wertvollen Anfang, der entsprechende Folgen
haben wird.
 
Anmerkung: Am 16. März 1998 beklagte
der Vatikan im Dokument Nachdenken
über die Shoa
die Mitschuld von Christen am Holocaust. Das
päpstliche mea culpa
am 12. März 2000 wurde als historischer Akt bezeichnet. Johannes Paul II.
hatte darin kirchliche Verfehlungen im Zusammenhang von
Glaubenskriegen, Judenverfolgungen und Inquisition eingestanden. Auf
seiner Pilgerreise nach Israel, Jordanien und in die
Palästinensergebiete im Jahr 2000 betete der Papst an der Klagemauer,
dem bedeutendsten jüdischen Heiligtum, und besuchte die
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.
Paul VI.
setzte in der ihm eigenen Art auf symbolische Gesten: So wurden
geraubte Reliquien an die Ostkirchen zurückgegeben. Auch die
Versteigerung der Papstkrone, der Tiara, zu Gunsten der Armen in der
Welt beinhaltete eine derartige "Reinigung des Gewissens" der Kirche.
Schließlich kniete Paul
VI.
1975 am zehnten Jahrestag der wechselseitigen Aufhebung der
Exkommunikation mit den Orthodoxen im Petersdom vor dem Gesandten des
Patriarchen von Konstantinopel, Metropolit
Meliton, nieder, um ihm die Füße zu küssen.
Zum "mea culpa
2000"
muss festgestellt werden, dass sich der Text um
wirklich
konkrete Aussagen herumwindet, wie auch der Inhalt der Tafel, die die
Kirche am Wiener Judenplatz anbringen ließ.
3.
Der Papst lege die Tiara ab
Bei
dieser Gelegenheit könnte der Papst zum
letztenmal die Krone tragen. Danach wäre sie als interessantes Relikt
der kirchlichen Feudalzeit den vatikanischen Museen als
Ausstellungsobjekt zu übergeben. Die Krone, von weltlichen Despoten
und Fürsten übernommen, ist das massivste
Feudalsymbol im Rahmen des
gesamten höfischen Zeremoniells. Sie hat in einer entfeudalisierten
Kirche keinen Platz. Weder Petrus I. noch Christus trugen je Kronen,
mit Ausnahme der Dornenkrone, die Christus mit Sadismus und Hohn
aufgesetzt wurde. Einem König, dessen Reich nicht von dieser Welt ist,
entsprach die Dornenkrone. Vor seinem Leiden, als er noch in der Gunst
des Volkes stand, wollte man ihn krönen. Doch er lehnte es ab. Es
bleibt den Hofapologeten überlassen, diese Fakten mit der
Tiara in Einklang zu bringen. Auch die Papstkrone dorthin zu bringen,
wo die meisten Kronen heute sind - ins Museum - ist wohl ein
unabdingbares Erfordernis der Zeit.
Ein
Schuldbekenntnis mit der
feierlichen Niederlegung der Krone zu verbinden, wäre von besonders
eindrucksvoller Wirkung. Denn das Schuldbekenntnis mit der
Krone auf
dem Haupt und deren anschließende Niederlegung als Sühne für die Schuld
hinterließe den Eindruck einer machtvollen moralischen Demonstration
die bis tief in den Kommunismus ihre Wirkungen nicht verfehlen würde.
Aber das Gefühl für solche Symbole scheint weitgehend verlorengegangen
zu sein.
Aber auch hier
gab es einen äußerst wertvollen Anfang beim
Konzil. Sehr richtig schrieb Piet
Fransen SJ am Ende seines von
roncallistischem Freimut getragenen Aufsatzes über die erste Session
des Konzils:
"Zum Schluss muss
aber noch die einmalige Art gewürdigt
werden, in der der Papst - trotz Alter, Ermüdung und später auch
Krankheit - das Konzil geleitet hat. Durch seine Haltung hat Johannes
XXIII. bewiesen, was der Primat eigentlich in der
römischen Kirche
bedeutet: keine Machtstellung, sondern ein Dienen und ein Zeugnis für
die Einheit. Vielleicht ist der Papst niemals so groß erschienen - weil
er eben dem Evangelium so nahe war -, als in dem Augenblick, da er zur
Schlussfeier nach der Messe ohne Sedia gestatoria, ohne Mitra oder
Tiara, nur mit einem kleinen Gefolge, zu Fuß die Basilika von St. Peter
betrat, um seine "Brüder im Episkopat" zu verabschieden
(8)."
Anmerkung: Nach der
ersten Sitzungsperiode des 1962 einberufenen Zweiten
Vatikanischen Konzil starb Johannes XXIII. am 3. Juni 1963. Kardinal Montini
wurde am 21. Juni 1963 im 5. Wahlgang zum neuen Bischof von Rom
gewählt. Er nahm den Namen Paul
VI., in direkter Bezugnahme auf den Völkerapostel an. Am
30. Juni 1963 setzte Kardinal
Alfredo Ottaviani
ihm auf der Piazza von St. Peter die modern gestaltete Tiara auf. Im
Jahr darauf legte Papst Paul die Tiara, ein Geschenk der Mailänder
Diözesanen, auf dem Altar der Peterskirche nieder. Sie wurde zu Gunsten
der Armen vom Heiligtum der Immaculata, Washington D.C. (USA) erworben,
wo sie noch heute ausgestellt ist (Bild rechts). Er ist der letzte
Pontifex, der sich krönen ließ, da sein Nachfolger dieses
Ritual
abschaffte.
4.
Abschaffung der Wir-Formel der Päpste, der Titel "Seine Heiligkeit" und
"Heiliger Vater"
Dieser
Feudalstil wirkt auf außerkirchliche Personen immer hemmend, das
jeweils Gesagte ernst zu nehmen. Wenn
Petrus I. "ich" sagte, so ist
dies auch dem Papst zumutbar. "Seine Heiligkeit" ist noch schlimmer.
Der Vatertitel schließlich, der völlig zurückgedrängt werden müsste,
ebenso wie "Hochwürden" und ähnliches, kann in bezug auf den Papst
verschwinden. Auch das Wort Papst von Papa, Vater, kommend, ist
späteren Datums. Es besteht durchaus kein Anlass, den Bischof von Rom
anders zu nennen als eben Bischof, wenn man diese Vokabel schon
beibehalten will. Doch davon später. Das Jurisdiktionsprimat des Bischofs von Rom
würde viel leichter etwa von der Ostkirche anerkannt,
wenn es mit brüderlichen Formen einherginge.
Ähnlich wie ein Kanzler in
einer Republik sich von seinen Ministern im Behaviour
(Benehmen) und in der Kleidung nicht zu unterscheiden braucht, wäre es
durchaus am Platze, dass der Bischof von Rom in Titel und äußerem
Aufwand mit den übrigen Bischöfen auf der gleichen Stufe stünde. Dessen
ungeachtet könnte er dennoch das Jurisdiktionsprimat haben.
Hier ist Petrus I.
wiederum in allem Vorbild. Petrus tituliert alle Christen Bruder, wie aus
seinen Enzykliken eindeutig hervorgeht. Gerade dieser
Umstand pflegt infantile Typen zur Weißglut zu bringen. Aber sie haben
nicht widerlegt, dass Petrus
I. in strikter Befolgung von Christi
Auftrag: "Auch Vater
nennt keinen von euch auf Erden", sich nicht Vater
nennen ließ. Er nannte alle Christen Brüder. Dass diese ihn keineswegs
höchst umständlich "Eure Heiligkeit" oder "Heiliger Vater" nannten,
sondern ihn einfach, wie jeden unter ihnen ansprachen, erkennt
man aus
der für das adäquate Verhalten von christlicher Autorität so eminent
wichtigen Stelle, Apostelgeschichte 11.
Nachdem Petrus I. in einem
unerhört revolutionären und gleichzeitig schöpferisch initiativen
christlichen Akt die Schranke zwischen Judentum und Heidentum
niedergerissen und damit den Sprung von der jüdischen Sekte zur
Weltreligion gewagt hatte, indem er den ersten Heiden - den Centurio
Cornelius - aufnahm, kam er nach Jerusalem zurück. Er war
damals noch
nicht Bischof von Rom, sondern nur der erste unter den "zwölfen".
"Als
nun Petrus nach Jerusalem hinaufkam, machten die aus der Beschneidung
ihm Vorwürfe und sagten: ,Du bist zu den Unbeschnittenen gegangen und
hast mit ihnen gegessen'."
Die Stelle ist großartig. Man sieht, dass
sich die Brüder damals keineswegs "mit heiliger Scheu" Petrus I.
näherten. Sie sprechen ihn direkt an und machen ihm völlig
ungerechtfertigt Vorwürfe, wenngleich sie es aus echter Unruhe und
aufgescheuchtem Gewissen taten. Petrus
I. pocht nun keineswegs auf
seine "Würde", sondern stellt sich den Vorwürfen:
"Petrus setzte
ihnen
den Hergang genau auseinander."
Er legt ihnen ausführlich seine Motive
dar. Der Schreiber der Apostelgeschichte legt so großen Wert darauf,
erkennen zu lassen, wie ausführlich Petrus
I. seine Gründe darlegt, dass
er fast alles, was er in den früheren Kapiteln sagte, wiederholt. Und
was geschah?:
"Als sie das hörten,
beruhigten sie sich, sie priesen
Gott und sprachen: ,Also hat Gott auch den Heiden Sinnesänderung
verliehen, die zum Leben führt.'"
Keinerlei Komplikationen bei der
Anrede also, keinerlei Pochen auf Autorität und Unfehlbarkeit.
Funktionell ist der Papst Bischof (Apostel) von Rom mit dem
Jurisdiktionsprimat innerhalb der übrigen Bischöfe (Apostel).
Dass Papst Johannes
XIII. immer wieder aus der Wirformel in die
Ichformel fällt, zeigt wiederum, wie wenig er in das feudale Joch
passt, das ihm aufgelastet ist.
5.
Abschaffung von Kniefall und Ringkuss
Wie
wir schon zitierten, hat Petrus
I. - es kann dies nicht genügend betont
werden - gegenüber dem Centurio
Cornelius, der sich ihm "ehrfurchtsvoll
zu Füßen warf" folgendes erklärt: "Steh auf auch ich bin nur ein
Mensch" (Apostelgeschichte 10, 26). Gerade damit tut er
jedoch kund,
dass er den Kniefall vor einem Menschen als Unrecht empfindet. Im Sinne
Petrus I. haben wir daher das gegen die Brüderlichkeit
verstoßende, aus
dem Despotenzeremoniell stammende Unterwerfungszeremoniell zu
liquidieren. Das Händereichen ist ein sehr gutes Symbol für die innere
Verbindung zwischen Menschen. Daher wäre es zum Zeremoniell zu erheben.
6.
Abschaffung der pharaonischen Straußenwedel

Die
am vatikanischen Hof Verwendung findenden Straußenwedel kommen über
Byzanz von jenen Pharaonen, gegen die Moses bereits vor dreieinhalb
Jahrtausenden revoltierte. Der ursprüngliche Zweck war, dem Pharao
frische Luft zuzufächeln, ihm Kühlung zu verschaffen, vielleicht die
Sonnenstrahlen abzuhalten. Niemand wird nun dem Bischof von Rom die
frische Luft mißgönnen, doch sollte die Assoziation - byzantinischer
Kaiser, und Pharao
- unbedingt vermieden werden. Der Bedarf an kühler
Luft kann auf ungleich modernere Weise, ganz im Sinne der
Industriegesellschaft gedeckt werden. Gerade die italienische Industrie
bringt ganz ausgezeichnete, automatisch schwenkende Ventilatoren auf
den Markt, die in ungleich besserer Weise eine Luftbewegung erzeugen
als dieser Wedel aus Straußenfedern. Moderne amerikanische Klimaanlagen
wären noch besser. Dieser Wedel ist sicherlich nur ein Symptom für die
Anpassungsarmut des vatikanischen Hofes und für die viel zu geringe
Einwurzelung in die moderne Industriegesellschaft. Welcher Manager
eines Großkonzerns würde heute noch solche Wedel verwenden?
Ein
Theologieprofessor wendete gegen diese These ein, dass der orthodoxe
Patriarch von Konstantinopel auch durch Pharaonenwedel Luft erhalte und
dass man erst doch einmal diesen entfeudalisieren sollte. Nun, jeder
kehre zuerst vor seiner eigenen Türe. Und wenn der Bischof von Rom es
übers Herz brächte, seinen Wedel zugunsten eines Ventilators zu opfern,
würde der
Patriarch von Konstantinopel vielleicht auch seine
aufgeben. Im übrigen
wird neuernannten Monsignori in ihrem Dekret
jeweils mitgeteilt, dass sie mit ihrem Titel nun auch das Recht zu
wedeln erhalten. Da diese Funktion ohne weiters auch von
Maschinen
erfüllt werden kann, wird der Wegfall dieses seltsamen Rechtes kaum
einen unter den Monsignori kränken.
Anmerkung: Es ist zu vermuten, dass die
Straußenwedel schon unter Johannes
XXIII. oder kurz nach ihm abgeschafft wurden. Näheres muss
noch recherchiert werden.
7.
Abschaffung aller Sonderrechte der römischen Aristokraten am
vatikanischen Hof
Geburtsvorrechte
spielten innerhalb der von Christus gegründeten Kirche keine wie immer
geartete Rolle. Christus wählte die Apostel sicherlich nicht auf Grund
ihrer mehr oder weniger vornehmen Geburt aus, sondern auf Grund ihrer
mehr oder weniger großen Fähigkeit,
die Funktion eines Apostels, eines
Gesandten zu erfüllen, Geburtsvorrechte jeder Art sind deshalb in der
Kirche zu liquidieren.
Daher sollten Aristokraten wohl keine Nachteile
haben, jedoch keine wie immer gearteten, auf den Adel gegründete
Vorrechte am vatikanischen Hof genießen.
8.
Ersetzung der
vatikanischen Baulichkeiten durch ein modernes, zweckdienliches
Bürohaus
das den kirchlichen Funktionären gestattet, in adäquater
Weise ihren Geschäften nachzugehen. Die gegenwärtigen Baulichkeiten
könnten als Museen Verwendung finden. Ein so exzellenter und
zugleich mit echter sozialer Gesinnung ausgestatteter Mann wie der
italienische Industriemanager Enrico
Mattei hätte bei der Planung neuer
Baulichkeiten, die sowohl
brüderliche Gesinnung ausdrücken als auch dem Industriezeitalter
entsprechen sollen, beratend zur Seite stehen können. Aber auch jetzt
gibt es sicher ähnliche Männer in Italien. Dies würde sparen helfen, da
entbehrlicher Aufwand reduziert würde. Die kirchlichen Funktionäre
würden dadurch in eine dem Industriezeitalter angepasste Stimmungslage
versetzt und der Produktivitätsgrad der Leistungen würde im Sinne des
eigentlichen Zwecks der Kirche entschieden erhöht (wirksame
Verkündigung des Wortes Gottes etc.).
9.
Radikale Vereinfachung des Zeremoniells
Die
Etikette des römischen Hofes wäre der einer Präsidentschaftskanzlei in
einer westlichen Demokratie - etwa der der Schweiz - anzupassen. Viel
unnötiger Kraftaufwand könnte so vermieden, die ersparten Energien
produktiver eingesetzt werden.
10.
Abschaffung der vom
vatikanischen Hof zu verleihenden Adelsprädikate, Orden,
Ehrenzeichen und der funktionslosen "Würden"
Feudale
Spielereien,
wie die Verleihung von Adelsprädikaten,
funktionslose Titel und Würden,
gehören auf den Schutthaufen der Weltgeschichte. Vorkommnisse wie
Verteilung von Fürstentiteln an Papstneffen, wie sie Pius XII.
praktizierte, sind beschämend, entwürdigend und entmutigend für die
ganze Christenheit. Es wäre dafür zu sorgen, dass sich solche Dinge
nicht wiederholen. Adelsprädikate sollten auch dann nicht mehr
verliehen werden, wenn es sich um moralisch höherwertige Personen
handeln sollte als um die Neffen Pius XII. Orden und Ehrenzeichen
sind
im diplomatischen Verkehr Infantilitäten und voll Unehrlichkeit. Die
Kirche sollte sich von der Ordensverleihung zurückziehen und dies den
westlichen Staaten und der Sowjetunion überlassen. Ein brüderliches
"Dankeschön" ist mehr wert als Bänder, Schärpen und ähnliches. Es ist
auch erniedrigend, solche "Ehren" zu verkaufen.
11.
Verpflichtung
aller kirchlichen Funktionsträger nicht nur zur Fußwaschung, sondern
auch zum gemeinsamen Tisch mit Vertretern der verschiedensten
Volksschichten
Die natürliche Tischgemeinschaft soll die
übernatürliche vorwegnehmen. Die Fußwaschung
ist das demonstrativste
und ausdrucksvollste Demutsritual christlicher Autorität. Christus
zwang Petrus I.,
der anfänglich hier widerstrebte, mit der Androhung
der Exkommunikation, diese Demütigung Christi anzunehmen. Die
Bereitschaft, den niedrigsten Dienst am anderen zu verrichten,
berechtigt autoritative Funktionäre der Kirche erst, ihre Funktion
auszuüben. Die Tischgemeinschaft aller wird von Christus als Symbol für
den Himmel gebraucht: "Das
Himmelreich ist gleich einem Gastmahl..."
Petrus
I. stieg demonstrativ bei einem stinkenden Gerber ab und
aß bei ihm,
ebenso wie bei Heiden (9). Und Christus durchbrach hier alle Schranken.
Er
ließ sich von der samaritanischen Hure Wasser reichen und aß nicht nur
mit dem einfachen Volke, sondern darüber hinaus sogar mit Pharisäern.
Im
Anschluß daran, dass Johannes
XXIII. mit Arbeitern Wein trank und mit
Schweizergardisten und Gärtnern zu Mittag aß, schrieb ich den Satz:
"Und wenn nicht alle
Anzeichen trügen, kehrt der neue Papst nach
Jahrhunderten feudaler Isolation der Päpste wieder in die Gemeinschaft
der Christen zurück."
Denn der gemeinsame Tisch ist ein profanes
Verbrüderungszeremoniell
und baut unnötige Distanzen ab. Wieviel
würde ein Bischof erfahren können, wenn er sich die Mühe
machte, mit verschiedensten Person, Vertretern aller Volksschichten, zu
Mittag oder zu Abend zu essen. Wie unkonventionell wäre
der Kontakt,
wie anders würden manche Äußerung eingeschätzt. Es ist keine Frage,
dass
hier der Durchbruch Johannes
XXIII. ein echter Regress auf das Verhalten Petrus I. und
Christus selbst ist. Ungleich weniger christlich oder
petrinisch war jedoch das Verhalten des "Pastor angelicus",
der nur
Kanarienvögel für würdig genug erachtete, mit ihm zu speisen. So etwas
sollte nicht wieder vorkommen.
Anmerkung: wohl hat sich
in dieser Hinsicht in der Kirche vieles geändert, obwohl nicht
anzunehmen ist, dass etwa ein österreichischer Kardinal sehr oft mit
einfachen Leuten speist.
12.
Größere Mobilität des Bischofs
von Rom
Er soll nichtkatholische
Kirchenfunktionäre aufsuchen und
nicht warten, bis diese kommen. In Fragen von extremer internationaler
Bedeutung - wie Frieden oder Abrüstung - sollte er auch wichtige
Politiker aufsuchen. In dem großangelegten Hirtengleichnis
(Lk 15,3-7) lässt
Christus den guten Hirten das verlorene Schaf suchen. Er wartet nicht,
bis es von selbst zurückfindet, sondern sucht es und freut sich mehr
über dieses eine als über 99 andere (und die guten Schafe mit ihm).
Verpflichtet die Hirtenfunktion nicht zum Aufsuchen der verirrten
Schafe? Ist es nicht beschämend, dass zuerst protestantische,
anglikanische und orthodoxe Funktionäre nach Rom kommen und man nicht
umgekehrt aus Rom zu ihnen kommt? Sich hier entgegen dem ausdrücklichen
Impuls Christi an Konventionen zu binden, ist nicht nur aus
prinzipiellen, sondern auch aus bekehrungspsychologischen Gründen
verfehlt.
Sowohl Christus als auch Petrus hielten das anders. Obwohl
die Kirche das politische Gebiet den Weltchristen (den "Laien")
überlassen sollte, würde es keineswegs fehl am Platze sein, wenn in so
extremen wesentlichen Fällen, wie in der Frage des Weltfriedens,
nicht
nur offiziell von Rom aus Botschaften erlassen würden, sondern der
Papst sich selbst zu den entscheidenden Politikern begeben würde, um
Einfluss auf sie zu nehmen. Er würde ihnen zwar große Ungelegenheiten
bereiten, wenn er ohne viel Aufhebens zu machen, gleichzeitig mit ein
paar Mitarbeitern um ein Visum des betreffenden Staates und um eine
Unterredung mit dem betreffenden Staatschef ansuchen würde. Gerade so
unkonventionelle Schritte würden seinen Aktionen ein entscheidendes
Gewicht verleihen. Statt für die "schweigende Kirche" im Osten nur zu
beten, könnte ein päpstlicher Besuch bei den jeweiligen Potentaten viel
mehr erreichen als Gebete, die nicht aus der rechten Haltung kommen.
Anmerkung:
Diese
Forderung Wilfried Daims wurde durch den Nachfolger Paul VI.,
Johannes Paul II. (1920-2005, Papst ab 1978),
zumindest in quantitativer Hinsicht geradezu übererfüllt, wie der
folgende Text aus der Wikipedia zeigt. In qualitativer Hinsich steht
fest, dass der erste slawische Papst auch zum Zusammenbruch des
Kommunismus beitrug.

Die Amtszeit von Johannes Paul
II. war geprägt von einer verstärkten Wahrnehmung der repräsentativen
Aspekte des Papstamtes. Dies zeigte sich vor allem in den 104
Auslandsreisen des Papstes, Pastoralbesuche genannt, in denen er 127
Länder besuchte. Seine Reisetätigkeit trug ihm rasch den Spitznamen
„Eiliger Vater“ ein. Johannes
Paul II.
unternahm während seiner Amtszeit mehr Auslandsreisen als alle früheren
Päpste zusammen. Auf seine erste Reise, die ihn in die Dominikanische
Republik, nach Mexiko und auf die Bahamas führte, begab er sich bereits
rund drei Monate nach seiner Wahl. Von
politischer Bedeutung waren insbesondere die Reisen in sein Heimatland,
durch die er den polnischen Widerstand gegen das kommunistische Regime
stärkte.
Vom 28. Mai bis 2.
Juni 1982 besuchte Johannes
Paul II.
als erster Papst seit der Trennung der Anglikanischen Kirche vor 450
Jahren Großbritannien. Während des Aufenthalts wurde er von Königin Elisabeth II.
empfangen und besuchte einen ökumenischen Gottesdienst in der
Kathedrale von Canterbury. Im Jahr 2000 begab sich der Papst auf eine
Reise ins Heilige Land (Israel, Jordanien, Palästinensergebiete).
Am 15. Januar 1995
hielt der
Papst in Manila vor vier Millionen Menschen den größten Gottesdienst in
der Geschichte der römisch-katholischen Kirche. Es war zugleich die
größte bekannte Versammlung in der Geschichte der Menschheit. Am 21.
Januar 1998 führte ihn eine Pilgerreise ins sozialistische Kuba.
Die Bundesrepublik
Deutschland besuchte Johannes Paul
II.
als Papst erstmals im November 1980, weitere Deutschlandbesuche folgten
in den Jahren 1987 und 1996. Österreich besuchte er in den Jahren 1983,
1988 und 1998, die Schweiz 1982, 1984, 1985 und 2004.
Anmerkung: Was die
Mehrzahl der heutigen Papstreisen anbelangt, so handelt es sich um
meist sehr aufwendig organisierte, sogenannte Pastoralbesuche, die als
Massenveranstaltungen Züge eines undifferenzierten Starkults
tragen, womit die Frage nach der eigentlichen langfristigen pastoralen
Wirkung aufgeworfen wird. Dazu kommt das Problem erheblicher Kosten,
die von der jeweiligen Lokalkirche zu tragen sind.
13.
Abschaffung der Titel Eminenz und Exzellenz, Verwendung des Begriffes
Apostel anstelle von Bischof, Entlastung der Bischöfe von unnötigem
Zeremoniell
Die Titel Eminenz
und Exzellenz
entstammen dem
byzantinischen Hofvokabular und sollten völlig aus dem Wortschatz
verschwinden, ebenso "Euer Gnaden" etc. Man kann ruhig darauf
verzichten. Psychologisch noch schwerwiegender und problematischer wäre
jedoch eine Änderung der Funktionsbezeichnung "Bischof" und
"Erzbischof" ("Fürst" Erzbischof ist ja abgeschafft). Bischof bedeutet
"Aufseher", womit die Grundfunktion sehr schlecht und sehr
mißverständlich ausgedrückt wird. Viel eindrucksvoller und adäquater
jedoch ist das Wort "Apostel",
das Sendbote, Abgesandter bedeutet. Man
spricht völlig inkonsequent, obwohl die Sukzession von den Aposteln zu
den Bischöfen gegeben ist und die Bischöfe die "Nachfolger der Apostel"
sind, eben einerseits von Aposteln, andererseits von Bischöfen, so als
ob hier ein tiefgreifender Unterschied gegeben wäre. Die Tatsache, dass
die zwölf Apostel Christus persönlich kannten, schafft keinen
Wesensunterschied hinsichtlich ihrer Funktion und der ihrer Nachfolger.
Entweder man spricht vom Bischof Petrus, vom Bischof Johannes oder man
nenne die heutigen Bischöfe Apostel. Der Vorteil der gleichen
Bezeichnung würde darin bestehen, dass die Sukzession nicht nur
bestünde, sondern auch zum Ausdruck und damit zum Bewußtsein käme.
Hier
wendete ein Politiker ein, dass das nicht anginge, weil dann die
Diskrepanz etwa zwischen "Hirtenschreiben" von Bischöfen der Gegenwart
und den "Apostelbriefen", ebenso wie der Unterschied der menschlichen
Qualitäten zu sehr zum Ausdruck käme. Dazu ist vorerst zu sagen, dass
die Qualität bei einem tiefgreifenden
Bewusstwerden der Sukzession
vielleicht besser würde, so dass das Qualitätsgefälle nicht gar so groß
wäre. Auf jeden Fall würde jedoch die innere Verbundenheit der
gegenwärtigen Kirche mit der Urkirche wesentlich gestärkt. Daher müsste
man den Mut auch zu dieser Änderung aufbringen.
Es wird auch
gesagt, dass verschiedene Sekten
den Apostelbegriff in den Vordergrund
rücken und man so den Sektierern Vorschub leistete. Nun sind die Sekten
oft Auswüchse, gleichsam Rationalisierungen und Überbauten über
verdrängte oder verschobene, aber echte religiöse Bedürfnisse. Solche
Bedürfnisse, die innerhalb der Kirche keine adäquate Befriedigung
finden, suchen dann außerhalb ihre inadäquate Erfüllung. Es würde damit
also eine Brücke geschaffen, über die der Sektierer heimkehren könnte.
14.
Begrenzung der Amtsdauer in kirchlichen Funktionen (Pensionierung)
Einer
der Gründe für die schwerfälligen Bewegungen und die überlangen
Reaktionszeiten des hierarchischen Machtapparates liegt in der
Überalterung der zentralen Funktionärsgarnitur.
Natürlich ist es
möglich, dass einmal ein Papst von mehr als 80 Jahren revolutionäre
Dinge tut, doch ist die Wahrscheinlichkeit im allgemeinen nicht so
groß. Bedenkt man dagegen, dass Christus sein Gesamtkonzept in einem
Alter von 30 bis 33 Jahren entwickelte, so dürfte es nicht
schwerfallen, ein Konzept zu entwickeln, nach dem die Amtsperiode
kirchlicher Würdenträger eine altersmäßige Grenze findet. Aber für das
Feudalsystem ist es typisch, dass Kaiser oder Könige eben bis zum
bitteren Ende ihre Funktion erfüllen. So hat Kaiser Franz Josef I. in
der Habsburgermonarchie seine Zeit ohne entscheidende Reformen viel zu
lange mitgeschleppt. Ebenso geschieht es gewöhnlich, bei der
kirchlichen Führung in Rom. Johannes
XXIII. ist eine höchst
bemerkenswerte Ausnahme.
Man könnte ohne weiteres, um die Sache
weniger schmerzvoll zu machen, erst die neu zu ernennenden Bischöfe ihr
Amt etwa mit 60, die künftigen Päpste mit 65 Jahren enden lassen. Die
pensionierten Würdenträger könnten verschiedene Ehrenpräsidien
übernehmen. Es stünde ihnen frei, wissenschaftlich zu arbeiten und zu
publizieren und sie könnten in verschiedenen Gremien beratende Funktion
ausüben. Eine solche Verjüngung des Apparates würde eine ungleich
initativere Führung und damit einen ununterbrochenen Ablauf der
notwendigen Erneuerung möglich machen.
Anmerkung: Das Bischofsamt ist ein Amt
auf Lebenszeit. Aber mit Vollendung des 75. Lebensjahres sind alle
Bischöfe gemäß Kirchenrecht Can. 401 §1 CIC angehalten, dem Papst den
Amtsverzicht anzubieten (siehe: Altdiözesanbischof). Ein solcher Amtsverzicht
wird allerdings nicht immer angenommen.
Wahlberechtigt
sind im Konklave alle Kardinäle der römisch-katholischen Kirche, die am
Tag vor dem Eintritt der Sedisvakanz (z.B. dem Todestag des
Papstes) ihr 80. Lebensjahr noch nicht vollendet haben.
15.
Abschaffung jeder Art von Beweihräucherung im wörtlichen wie im
sublimierten Sinn
Ausschlaggebend für die "Feudalisierung" der Kirche war die Förderung
des Christentums durch Kaiser Konstantin
und in der damit einhergehenden Änderung der Organisation der
Kirchenführung. Die Geistlichen, vor allem die Bischöfe, erhielten
einen völlig neuen Rechtsstatus. Sie waren nun Reichsbeamte
geworden und zwar in einer sehr hohen Stellung. Dazu erhielten die
Bischöfe 318 von
Konstantin den Auftrag, in bestimmten Zivilprozessen höchstinstanzlich
Recht zu sprechen. Mit dieser Rangerhöhung ging wohl auch das Recht auf
die dazugehörigen Statussymbole
einher. Deshalb ist wohl auch der Brauch zu erklären, beim Einzug des
Bischofs Leuchtenträger und Weihrauchfass vorauszuschicken. Das ist die
Form, in der uns der Weihrauch zum ersten Mal in einer schriftlichen
Quelle in der römischen Liturgie begegnet. Das Beräuchern des Altars
war hingegen in Rom Mitte des neunten Jahrhunderts noch unbekannt
Anmerkung: Hier wäre wohl nur eine
"Neuinterpretation" der Verwendung von Weihrauch nötig: "Incensierung"
ohne Personenbezug.
16.
Auflösung der Ritterorden, da deren feudale Herkunftswertung nicht
einmal die Apostel als Mitglieder dulden könnte beziehungsweise hätte
dulden können
Es ist sicher, dass die für den Ritterorden
wesentlichen Positionen regelmäßig nur von Adeligen eingenommen werden
konnten, beziehungsweise eingenommen werden können. Dies ist mit den
Grundlagen des Christentums - man vergleiche die Auswahl der Apostel
durch Christus - nicht vereinbar. Die Tatsache, dass etwa der Deutsche
Ritterorden nunmehr diese Herkunftswertung auf
gab, ändert
nichts an seiner Vergangenheit. Im übrigen wäre schon aus rein
politischen Gründen eine innerkirchliche Liquidation des Deutschen
Ritterordens zu empfehlen, dessen "Missions"methoden heute noch die
Beziehung der katholischen Kirche zum Osten belasten. Adenauers
Beitritt zum Deutschen Ritterorden schockierte den Osten, dem es
schien, dass Adenauer damit kundtun wolle, er gehöre zu denen, die
"nach
dem Osten reiten". Eine Liquidation des Ordens - am besten durch
Selbstauflösung nach einem umfassenden Schuldbekenntnis - könnte ein
Gespräch mit dem Osten wesentlich erleichtern. (10)
17.
Wahl der Bischöfe durch das gläubige Volk aus einer größeren Anzahl der
vorgeschlagenen Kandidaten
 Um
ein echtes Verantwortungsgefühl für die Kirche zu erwecken, ist es
nötig, die Mitglieder der Kirche auch für die Auswahl der kirchlichen
Führungskräfte heranzuziehen. Verantwortung erzieht und Erziehung
schafft Verantwortung. Dazu sollte, um eine entsprechende Übergangszeit
für Verantwortungserziehung zu schaffen, für etwa 20 Jahre das in Polen
übliche Wahlsystem eingeführt werden: "Elite"-Verbände und
Obrigkeitsinstanzen erhalten das Recht, Kandidaten vorzuschlagen, und
das Volk wählt dann, nachdem sich die Kandidaten samt ihren Programmen
gestellt haben, einen von ihnen aus. Nach dieser Übergangszeit müßte
ein stärker "westlich" orientiertes Wahlsystem an dessen Stelle treten
und das Recht, einen Kandidaten vorzuschlagen, erheblich erweitert
werden. Da Bischofskandidaten ja grundsätzlich Priester sein müssen,
wäre gleichzeitig mit der verantwortlichen Beteiligung des Volkes eine
entsprechende bildungsmäßige Voraussetzung gegeben, die ein solches
System jeder bisherigen politischen Struktur überlegen machen würde.
(11)
Siehe dazu auch die Anmerkung von Herbert
Kohlmaier oben.
Anmerkung:
Evangelische Amtsträger (Landesbischöfe) werden in der Regel von der
Synode (Kirchenparlament) für eine bestimmte Zeit oder auf Lebenszeit
(meist bis zum 65. oder 68. Lebensjahr) gewählt.
18.
Proportionale Festsetzung der Wahlmännerzahl für die Papstwahl
(Kardinäle), entsprechend der Volkszahl der Katholiken
Das
jetzige Wahlsystem fördert eine Art von Klerus-Inzucht. Das System ist
nach unten nur durch das Zölibat offen. Die Ernennung von Kardinälen
durch den Papst ist wenig gesund. Das amerikanische
Präsidentschafts-Wahlsystem
wäre hier wohl das am ehesten angebrachte.
Nach der Volkszahl der Katholiken in einem Lande wird eine Zahl von
Wahlmännern gewählt, die nach alter Tradition keineswegs Kleriker sein
müssen, und diese wählen dann den Bischof von Rom aus den vorhandenen
Bischöfen aus. Rom benötigt daher ein entsprechendes Wahlstatut. Ein
solches Wahlmännersystem hätte den Vorteil, dass man sich mit den
Qualitäten der einzelnen Bischöfe weltweit zu beschäftigen hätte.
Dadurch würden wiederum Verantwortung und Interesse im allgemeinen
zunehmen. Ein solches Wahlsystem könnte dem Faktum einer echten
Weltkirche am besten Rechnung tragen.
19.
Grundsätzliche
Umgestaltung der hl. Messe
Vereinfachung, das heißt radikale Reduktion auf
das Wesentliche; das Lesen
in der Landessprache; Liquidation
der
Kommuniongitter, an welchen man "abgespeist" wird; Sitzen von Priestern
und Weltchristen ("Laien") am gleichen Tisch; Ersatz der dünnen Oblate
durch richtiges Brot und Einführung des Kelches für die Weltchristen
("Laienkelch"); das eucharistische Gemeinschaftsmahl muss
wieder die
zentrale Verbrüderungszeremonie aller werden; Leib- und
Blutsbruderschaft mit Christus und mit allen seinen Gliedern soll die
Messe nicht nur sein, sie soll auch so erlebt werden.
Wenn ich
(unter 11) erklärt habe, dass der profane Tisch zwischen allen
Würdenträgern der Kirche und den Vertretern verschiedenster
Volksschichten zu pflegen wäre, da das gemeinsame Mahl ein verbindendes
Moment enthält, so ist dazu zu bemerken, dass das gemeinsame profane
Mahl keinem wie immer gearteten Menschen zu verweigern
wäre. Das eucharistische
Mahl jedoch kommt nur den Brüdern im engeren Sinn - den
Christen - zu, die aber alle anderen einladen, Christen zu werden. Die
Einigung der Menschen mit Christus, unserem Bruder, ist nur ein Aspekt
der Eucharistie. Es besteht hier nicht nur mit Christus Leib- und
Blutsbruderschaft, sondern auch mit allen andern Christen. Insofern
jeder für den andern, auf Grund seiner Identifikation mit Christus und
der Identifikation Christi mit ihm, eben auch Christus ist, bedeutet
die Eucharistie die höchstmögliche
Identifikation aller christlichen
Brüder untereinander. Durch die Realpräsenz wird die durch
gemeinsames profanes Mahl und gemeinsamen profanen Trunk geschaffene
Brüderschaft unendlich überhoben.
Dass die Messe im wahrsten Sinn das
tief in Gott eingesenkte, durch Christus geschaffene Verbrüderungszeremoniell der
Christen ist, soll nicht nur ontologisch
oder metaphysisch so sein, sondern vielmehr auch so erlebt werden. Und
ein solches Erlebnis muss durch die äußere umfassende Gestaltung der
Messe vermittelt oder wenigstens nahegelegt werden. Diesem Ziel sind
nötigenfalls schwere Opfer zu bringen.
Das
Lesen der Messe in
der Landessprache
würde dem entsprechen, was Christus tat. Die Messe
ist nicht für eine intellektuelle, zweifelhafte "Elite" da (die sich
dadurch auszeichnet, dass sie mehr oder weniger gut Latein versteht),
sondern für das ganze Volk.
Das was in "Veterum
sapientiae" steht, hat
mit Recht weltweite Empörung ausgelöst, die nur durch eine
traditionelle Gehorsamkeitshaltung mühsam verdeckt wurde. Es ist klar,
dass es nicht so weitergehen kann, wenn man wirklich Weltkirche ohne
rationalistischen Rückhalt sein will. Das Kommuniongitter schafft eine
Trennwand zwischen Priester und Volk, die völlig unnötig ist. Der
Priester dreht sich unnötigerweise vom Volk weg. So schwierig es sein
und so schwerwiegende Konsequenzen es auch haben mag, aber Priester und
Weltchristen müssen an einem Tisch zusammenkommen.
Hier wird nicht
ohne Grund eingewendet, dass bei einem "Massenbetrieb" eben solch ein
Sitzen nicht möglich ist. Dazu kommen noch die Schwierigkeiten mit dem
"Laienkelch".
Dazu ist zu sagen, dass es einerseits möglich wäre,
Tische ähnlich bei einem Großbankett aufzustellen ("Das Himmelreich
gleicht einem Gastmahl"). Andererseits müsste man die
"Massen" eben in
kleinere Gruppen teilen. Dies setzt jedoch eine wesentlich größere Zahl
von Priestern voraus und dies wiederum die Aufhebung des Zölibates
(siehe Punkt 28).
Kurzmessen in Hausgemeinschaften,
von nötigenfalls
nebenberuflichen Priestern gehalten (auch Paulus verdiente sich sein
Geld durch Handwerksarbeit), das Lesen der Messen in Privathäusern, all
das wäre möglich und der Zeit angemessen. Das gemeinsame Sitzen am
Tisch ist so wichtig, dass man alle Konsequenzen auf sich nehmen müsste.
Die Kirche könnte dann immer noch als Ort für größere
Versammlungen benützt
werden.
Natürlich muss man auch auf Goldkelche und ähnliche Dinge
verzichten. Will man Rost vermeiden, dann gäbe es heute Becher aus
rostfreiem Material, die ein sinniges Geschenk zur ersten Kommunion
sein könnten. Eine übermäßige Reinigung ist unnötig, da man Weinreste
in Molekulargröße ohnehin nicht entfernen kann. Der Becher dürfte nur
zu nichts anderem verwendet werden.
Zu diesem Punkt schrieb sehr richtig Piet Fransen:
"Was
die Diskussion über die Volkssprache betrifft, so werden sich künftige
Zeiten vielleicht darüber wundern, dass ein Konzil des 20. Jahrhunderts
so viel Zeit für die Verteidigung einer toten Sprache, des Lateins
nämlich, aufgewendet hat, nachdem doch die Kirche bis zum 10.
Jahrhundert stets sofort ihre liturgischen Bücher übersetzte, so dass
die neuen Gläubigen ihre Gebete verstehen konnten. Als die
Liturgiediskussion schon längst abgeschlossen war, drohte die
Opposition, die von einigen Kurienmitgliedern sowie von Bischöfen aus
Italien, Spanien, England und den beiden Amerika angeführt wurde, noch
einen Augenblick die Arbeit der Liturgischen Kommission zu stoppen. Es
war dann Kardinal
Cicognani,
der die wichtigsten Widersacher zu sich
bat und ihnen sagte: Wenn das Latein angeblich so unentbehrlich für den
rechten Glauben sei, müsse man sofort alle Katechismen,
Religionslehrbücher und Predigten in lateinischer Sprache abfassen
(12)!"
Anmerkung:
Der Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie und die Messfeier am
Volksaltar haben sich als wichtigste Elemente der Liturguiereform des
2. Vatikanums durchgesetzt. Gelegentliche "Rückschläge" wie die durch Benedikt
XVI.
erteilte Erlaubnis, die Messe auch nach dem vorkonziliären
tridentinischen Ritus auf lateinisch zu feiern (Motu Proprio "Summorum
Pontificum"
vom 7. Juli 2007) ändern daran kaum etwas. Freilich ist auch eine in
jeder Hinsicht "versum populum" gestaltete Eucharistiefeier noch immer
kein "Herrenmahl"
(besser: "Brudermahl")
im Sinne der obigen
Forderungen Wilfried
Daims.
20.
Entfeudalisierung der Caritas
Nicht mildigliche Spenden gnädiger
Herren und Damen zur Notlinderung, sondern tatkräftige
kameradschaftliche und verpflichtende Hilfe ist nötig. Einrichtung von
Forschungszentren, die notleidenden Menschen die Mittel verschaffen,
sich selbst zu helfen.
Die Caritas der Feudalzeit setzt ein
gleichbleibendes und statisches Sozialprodukt voraus. Hier besteht das
Hauptproblem in der Verteilung des vorhandenen Sozialproduktes. Die
bürgerliche Produktionsweise hat jedoch gezeigt, dass das Sozialprodukt
durch materiellen und intellektuellen Einsatz einer progressiven
Vermehrung zugänglich ist. Es wäre eine echte caritative Leistung, also
ein Akt der Nächstenliebe, wenn Forschungsstätten
errichtet würden, die
Möglichkeiten zur Selbsthilfe zu schaffen hätten. Solches
gibt es zwar
schon in den USA und in der UdSSR, aber noch nicht allzu lange, so dass
man mit einer derartigen Aktion relativ wenig nachhinken würde.
Anmerkung:
Die Aufrechterhaltung dieser These wäre für die Caritas von heute wohl
eher eine Beleidigung - dennoch ist der Grundgedanke richtig: vor allem
Hilfe zur Selbsthilfe.
21.
Abschaffung der chefideologischen Position der Scholastik in der
Theologie
Im besonderen ist
zu beachten, dass Aristoteles
ein Ideologe
der Sklavenhaltergesellschaft gewesen ist. Christus wurde nicht
zwischen Plato
und Aristoteles,
sondern zwischen Moses
und Elias
verklärt. Der revolutionäre Charakter der Befreiungstat des Moses, wie
des Dekalogs -
"Ich bin der Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem
Haus der Sklaverei" -, der das erste Revolutionsgesetz
darstellt, wäre
entsprechend herauszustellen; ebenso die ideologischen Folgen dieser
ersten Revolution. Damit würde ebenso eine Integration des Judentums
eingeleitet wie die Aufgabe des Standpunktes, dass das Christentum
"selbstverständlich" konservativ sei.
Diese äußerst wichtige These hat zunächst zum Ziel, die Scholastik
als einzig mögliche christliche Denkform zu relativieren. Es wäre auch
anderen philosophischen Strömungen Freiheit zu geben, christlich
wirksam zu werden. Die Freiheit der mündlichen und schriftlichen
Diskussion ist hiezu natürlich Voraussetzung (vgl. 23). Gerade in
Hinblick auf das Sozialsystem ist die Scholastik nichts als die
Übernahme und Zurichtung der Gedanken des Sklavenhalterideologen Aristoteles für die
feudalisierte Kirche. Der Hinweis, dass Christus
nicht zwischen Plato und Aristoteles, vielmehr zwischen Moses und Elias
verklärt wurde, hat den Zweck, die Diskrepanz zwischen dem
urrevolutionären Impuls, der Moses und Elias beherrschte, und dem
"konservativen" Charakter der Sklavenhalterideologien festzustellen.
Moses
beginnt den Dekalog mit der bemerkenswerten - vom Katechismus sorgfältig
weggelassenen! - Präambel, dem
Wichtigsten an einem Gesetz, enthält sie
doch oft die
grundlegenden Voraussetzungen für ein Gesetz, mit den
bemerkenswerten Worten:
"Höre Israel,
ich bin der Herr, dein Gott, ich
bin der Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem Haus der
Sklaverei."
Das dritte Gebot ist das erste Freizeitgebot der
Weltgeschichte, das sogar für die Tiere galt. Dieses Gebot allein war
dermaßen revolutionär, dass man sich heute davon kaum noch eine
Vorstellung machen kann. Auch der unerhörte Protest des Elias passt
keineswegs in die Autoritäts- und Herrschaftsvorstellungen des Aristoteles (in
seiner ungetauften und in seiner getauften Form). Wie
sehr die völlig unchristlichen Gedankengänge des Aristoteles über Thomas bis in die
Formulierungen eines Papstes im 20. Jahrhundert
hineinspielen, zeigt etwa die Definition der "Laien" in der
Katholischen Aktion, wie sie der "Pastor angelicus", Pius XII. gab:
Wie
Aristoteles den Sklaven "als
Instrument in der Hand seines Herren"
definierte, definierte Pius
den "Laien" "als
Instrument in der Hand der
Hierarchie"(13).
Wie sehr die Sklavenhaltermentalität in der Kirche noch weiter lebt,
zeigt ja auch die Indexpraxis (siehe 23). Mit
der Adaptation des Christentums an das aristotelische Heidentum wurde
weitgehend das Verständnis für die Sozialrevolutionären Impulse des
Judentums verbaut. Eine verstärkte Rejüdi-sierung wäre somit nur über
einen Abbau der Einflüsse der aristotelischen Sozialvorstellungen
möglich. Nur so könnte eine Integration des Judentums eingeleitet
werden, dessen Ausfall ja auch die Konservativisierung des Christentums
weitgehend zur Folge hatte. Es besteht, ohne hier irgend etwas gegen
die Italiener sagen zu wollen, die die Kirche sicher nicht schlechter
führten als Spanier, Deutsche, Franzosen und andere es getan hätten,
ein dringender Bedarf an jüdischer Nationalsubstanz im Christen-
29
tum.
Ein Durchbruch zum Verständnis von Moses und Elias, in deren Tradition
Christus steht, würde auch das Konservative am Christentum und seinen
scholastischen Ausdruck zerbrechen. Auch dem Mangel an Initiative würde
dergestalt begegnet.
Anmerkung: Es bedarf
einer weitergehenden Analyse, inwieweit die führende Rolle der
Scholastik in der Theologie
und Soziallehre
heute noch argumentiert werden kann. Die Enzykliken "Populorum Progressio"
(1967) und "Octogesima
Adveniens" (1971) sind jedenfalls Dokumente, die kein
Verharren in antiken reaktionären Vorstellungen aufweisen.
22.
Autonomisierung der päpstlichen Universitäten in ähnlicher Form wie in
bürgerlich-demokratischen Staaten
Dies
gehört zu jenen Freiheiten, die das Bürgertum gegenüber dem Feudalismus
erkämpft hat. Die Diskussions- und Lehrfreiheit erfordert natürlich
Vertrauen zu den Theologen. Es ergibt sich jedoch aus dem Willen, die
Initiative und die Selbsttätigkeit zu vermehren, automatisch die
Notwendigkeit, die Freiheit zu vergrößern. Nicht einfaches
Überherrschen läßt dem Geist Raum, schöpferisch zu sein, sondern jenes
Vertrauen, das ihm die Selbsttätigkeit überläßt. Sollen die
katholischen, päpstlichen Universitäten jemals wesentlich mehr schaffen
als Apologetik und Recht-fertigungsideologie, muss man ihnen jenen
Selbststand geben, der sie frei und offen arbeiten läßt. Dies hängt
intensiv mit der nächsten These zusammen.
23.
Dezentralisierung wesentlicher Entscheidungsgewalten, das heißt: Abgabe
von Autorität nach unten
Ebenso
wie man zu den Theologieprofessoren, die doch zum weitaus größten Teil
guten Willens sind, muss man zu den Bischöfen mehr Vertrauen haben, die
ja schließlich Nachfolger der Apostel sind. Je weniger der Bischof von
Rom von seinem Jurisdiktionsprimat Gebrauch macht, umso freiere
Persönlichkeiten werden die Bischöfe werden und umso elastischer
könnten sich diese den jeweils lokalen Gegebenheiten anpassen. Die
erniedrigende Form, mit der römische Kurialbeamte mit Bischöfen
umzugehen pflegen, müßte sich außerdem gründlich ändern.
24.
Abschaffung des "Index librorum prohibitorum"
oder zumindest
seine
fundamentale Humanisierung im Sinne der Deklaration der Menschenrechte.
Die
Wirkung des Index gegenüber echt substantiell antichristlichen
Auslassungen nähert sich Null. So wurde z. B. Hitlers "Mein Kampf"
nicht indiziert, obwohl sich darin die Behauptung findet, dass die
Erbsünde "Die Rassenmischung" sei (14). So ein vollendeter
theologischer
Unsinn, der die verbrecherischen Absichten Hitlers noch mit dem
Feigenblatt einer jüdisch-christlichen Vokabel zudeckte,
wurde aus opportunistischen Gründen nicht indiziert.
Man lasse das
Indizieren daher am besten ganz bleiben. Die meisten, auch durchaus
ausübenden Christen kümmern sich im übrigen um den "Index" denkbar
wenig. Entweder haben sie eine Erlaubnis, oder sie hüten sich
sorgfältig zu erfahren, welche Bücher auf dem "Index" stehen, um bona
fide lesen zu können. Das ist die Realität.
Umgekehrt
schadet jedoch
der Index innerkirchlich enorm. Denn die Verfasser von Büchern, so sie
wirklich etwas aussagen, stehen ständig in Gefahr, ein Buch indiziert
zu sehen. Dies führt dazu, dass ein Teil von ihnen nichts schreibt, ein
Teil bewusst belangloses Zeug, ein Teil etwas, was er selber nicht
glaubt. Jene, die sich wirklich mit einer profilierten Meinung
hervorwagen, laufen Gefahr, geistig liquidiert zu werden. Arbeiten
ernst ringender Theologen werden ähnlich behandelt wie die Produkte von
Pornographen. Sie können ihren Lehrstuhl - und damit ihre
eigentliche Existenzgrundlage - verlieren, sie können Redeverbot und
ähnliches erhalten. Ja, sie können, wie Teilhard
de Chardin , mit einem
Veröffentlichungsverbot für einen großen Teil ihres Lebens belegt
werden. Hier entstehen Aggressionen, die verdrängt werden,
von deren
Intensität und Verbreitung man sich - ich spreche hier als Psychologe -
in höheren hierarchischen Kreisen keine rechte Vorstellung macht. Man
will nicht das Unkraut mit dem Weizen wachsen lassen - wie schwer ist
hier eine wirkliche Unterscheidung - und schneidet mehr Weizen als
Unkraut weg. Es entsteht durch den Index jene "schweigende Kirche des
Westens", für die niemand betet oder eine Kerze brennen
lässt. Dies sei
hiermit angeregt. Demgegenüber wäre jede Diskussion bewusst zu fördern,
wobei sich die Autoritäten bemühen sollten, zu veranlassen, dass sie in
brüderlicher Toleranz erfolge.
Will man aber partout nicht vom Index
lassen, so müßte er eine Humanisierung im Sinne der Deklaration der
Menschenrechte erfahren. Denn die Indizierungspraxis verstößt gegen
diese. Wenn ein Opfer der Indizierungsmethode weder erfährt, welcher
Richter ihn richtete, noch was Anlaß und Grund der Indizierung ist,
wenn man sich nicht verteidigen kann und es keine höhere Instanz gibt,
an die man sich zu wenden vermag, so verstößt diese Praxis gegen alle
guten Sitten. Nicht einmal ein einigermaßen aufgeklärter Feudalherr
hätte sich das erlaubt. Hier nistet noch die Sklavenhaltermentalität,
die den Menschen im gleichen Atem als Instrument betrachtet, in dem sie
ihn Ebenbild Gottes nennt.
Anmerkung:
Die Glaubenskongregation setzte drei Jahre nachdem diese Zeilen
geschrieben worden waren durch die Erlässe vom
14. Juni und
15. November 1966 (AAS 58 (1966), S. 1186) mit Wirkung vom 29. März 1967 den
Index außer Kraft.
"Die kirchlichen Bücherverbote (c. 1399 CIC/1917) [wurden] abgeschafft
und die Strafen, die auf Grund dieser Verbote eingetreten waren (vgl.
c. 2318 CIC/1917), aufgehoben."
--> Heribert
Heinemann:
Schutz der Glaubens- und Sittenlehre. In: Joseph Listl u. a. (Hgg.):
Handbuch des katholischen Kirchenrechts. Regensburg: Pustet 1983 ISBN
3-7917-0860-0, S. 567-578, hier: 568).
--> Vgl. Georg May:
Die
Aufhebung der kirchlichen Bücherverbote. In: Karl Siepen [u. a.]
(Hgg.): Ecclesia et ius: Festgabe für Audomar Scheuermann … Paderborn
u. a.: Schöningh 1968, S. 547-571.
25.
Änderung des Erziehungszieles in allen pädagogischen Einrichtungen der
Kirche: Erweckung von Kritikfähigkeit, von
Initiative
und Selbstentscheidung
von moses- und eliasähnlichem, revolutionärem
Widerstandsgeist und entschiedene Reduktion der Gehorsamsideologie.
Eigenständiges, produktives Initiativgewissen müsste anstelle von
infantilem Gehorsamsgewissen erzogen werden. (Gott mehr gehorchen als
den Menschen.)
Es ist klar, dass der primitive Direktschluss von
Gottes Autorität, von der sich alle Autorität herleitet, der man zu
gehorchen habe, jene pädagogische Haltung zu rechtfertigen sucht, die
als wichtigstes Erziehungsziel die Bravheit und Zahmheit der Zöglinge
vor Augen hat.
In Wahrheit steht diese Gehorsamspädagogik im Dienste
infantiler Autoritäten, die Angst vor einem echten Erwachsenwerden
ihrer Untergebenen haben. Sie haben gewissermaßen Angst, die Kinder
allein über die Straße gehen zu lassen. Hieraus folgt dann die geringe
Widerstandsfähigkeit breiter Kreise von Gläubigen gegenüber totalitären
Regimen. Wenn sie sich nicht an die Rockschöße der Mutter Kirche zu
klammern vermögen, sind sie unfähig, selbständig und unabhängig zu
entscheiden und zu handeln.
Gerade die große Linie Moses-Elias-Johannes der Täufer-Christus zeigt
ja gerade den ständig provokanten
Charakter jener Männer, die im Gehorsam Gottes standen und keineswegs
den Menschen gegenüber gehorsam waren. Christentum, das nicht in einem
tiefen Sinne provokant ist, ist kein Christentum. Denn
dieses hat jene
Revolution in Permanenz zu sein, von der Leo Trotzki träumte,
da kein
Zustand jemals die universelle Brüderlichkeit so verwirklichen wird wie
sie vollkommen wäre.
Die Erziehung zur Freiheit in Verantwortung
lässt den Gehorsam zurücktreten und ruft die Spontaneität und
die Initiative
wach, die Selbstverantwortung,
die die Grundlage jedes
schöpferischen Beitrags zur Gesellschaft ist. Daher sind in allen
pädagogischen Einrichtungen der Kirche jene initiativen,
selbstverantwortlichen Züge bei den entscheidenden Offenbarungsträgern
herauszuarbeiten, die sie zu revolutionärem Handeln veranlassten.
Gleichzeitig ist deren Vorbildcharakter zu zeigen und eine
Identifikation mit diesen Männern anzuregen. Nur so kann jene
reichprofilierte Gemeinschaft von Christen entstehen, die imstande
wäre, das Antlitz der Erde zu erneuern
26.
Änderung der Heiligsprechungsideale
Auch heute gibt es Menschen, die
wie Petrus
Totschlagversuch und Hochverrat begingen oder wie Paulus
Beihilfe zum Mord geleistet haben und eine Sinnesänderung zum Guten
zuwege brachten. Mit der Feststellung, dass Petrus einen
Totschlagversuch (am Polizeichef Malchus)
und Verrat (an Christus)
beging, wie mit der anderen, dass Paulus Beihilfe zum Mord geleistet
hat
(zur Tötung des Stephanus),
soll nichts gegen die beiden Apostel gesagt
werden. Denn mit ihrem produktiven
Wandlungsprozess, innerhalb dessen
sie den "neuen Menschen
anzogen", sind sie so gründlich und endgültig
über diese Taten hinausgewachsen, dass niemand ein Recht hat, ein
negatives Urteil über sie zu fällen. Das bedeutet jedoch, dass für den
Christen eben ein Verbrecher, der sein Verbrechertum abstieß, keinen,
aber schon gar keinen Makel mehr zu haben hat, nicht nur Vollmitglied,
sondern sogar höchst bevorzugtes Mitglied der menschlichen Gemeinschaft
werden kann und keineswegs sein Leben lang mit Büßermiene herumzulaufen
braucht.
Wenn man nun in den letzten Jahrzehnten nur solche Menschen
heiligsprach, die ein Leben lang ganz brav und harmlos waren, die
Antialkoholiker und Nichtraucher und nie exzessiv waren, so leistet man
zwar dem falschen pädagogischen Ziel, dem kleinbürgerlichen
Bravheitsideal, einen Dienst, nicht jedoch dem kraftvollen
Durchbruchsdrängen, von dem das Christentum erfüllt zu
sein hätte.
Leuten mit Vergangenheit erschwert man so ihre innere Wandlung und läßt
damit wertvolle Kraft vor dem Tor stehen.
Auch die Maria von
Magdala
wird durch ihre Vergangenheit in dem Bordellstädtchen des römischen
Offizierskorps (Besatzungshure also)
um nicht einen Deut weniger heilig
als etwa die "kleine" heilige Therese
vom Kinde Jesu - die das
natürlich wusste. Die christliche Haltung gegenüber solchen Menschen
"mit Vergangenheit", und seien sie auch Mörder und sonstige
Schwerverbrecher gewesen, darf nicht den geringsten Zug von Arroganz
und Snobismus zeigen. Und das würde man eher erreichen, wenn man
Menschen mit solcher Vergangenheit, deren Wandlung jedoch unzweifelhaft
ist, auch aus der heutigen Zeit heiligspricht.
27. Änderung der
Missionspraxis
Vorbereitung der künftigen Missionare unter anderem
auch zum gemeinsamen Tisch mit den zu missionierenden Völkern. Ein
Leben unter den gleichen äußeren Bedingungen ist nötig, um den
Angehörigen fremder Kulturen wirklich nahezukommen. Auf Grund
kolonialistischer und feudaler Vorstellungen gab es, und gibt es zum
Teil heute noch, eine arrogante Haltung europäischer Missionare den
farbigen Völkern gegenüber. Es wird gleichzeitig der Versuch gemacht,
diesen Völkern das Christentum in europäischer Form zu
bringen. Nun wurde der einheimische Klerus in diesem Sinne erzogen und
so wurden die Priester aus den Missionsvölkern zu Sekundäreuropäern,
die oft viel überheblicher sind als die Primäreuropäer. Sie verachten
die Kultur ihrer eigenen Völker und bilden sich auf ihren Europäismus
eine Menge ein. Gerade hier werden sich Widerstände gegen die
Abschaffung des Kultlateins zeigen. Ohne jedoch die chefideologische
Position der Scholastik aufzugeben, ohne das Kultlatein durch die
jeweiligen Landessprachen zu ersetzen, kann es aber keine großen
Durchbrüche und Einbrüche geben.
Zum Vorbild für die
Missionserzdehung hätte die sowjetische Agitationsschulung zu dienen,
in welcher nicht nur die Sprache, sondern auch die Lebensgewohnheiten
der Gastvölker so systematisch wie nur möglich trainiert werden. Das
Paulinische "Allen alles
werden" ist nur möglich durch geradezu
selbstentäußernde Anpassung, um Christus wirklich tief einsenken zu
können. Dasselbe gilt auch von den europäischen Missionen, denn wer das
innere und tiefere Anliegen des Sozialismus oder des Kommunismus nicht
verstanden hat, wird in diesen Kreisen eben nicht missionieren können.
Das Studium des dialektischen Materialismus, der doch nur ein Überbau
über den proletarischen Grundaffekt ist, genügt hier keineswegs, denn
die Grundanliegen tauchen nur selten in diesen rationalen
Konstruktionen auf.
Anmerkung: Was ist das Grundkonzept
zeitgemäßer innerer und äußerer Missionstätigkeit?
28.
Einsatz der neuen technischen Hilfsmittel für die Selbstdarstellung des
Christentums
Also neue Propagandamethoden. Die
reservierte Haltung eines sekundärfeudalen Spitzenklerus gegenüber der
Technik - man denke nur an den Straußenwedel, der noch immer nicht
durch einen Ventilator ersetzt ist - und der Industrie (das kirchliche
Eigentum ist vorwiegend ländlicher Gutsbesitz, ehemaliges
Feudaleigentum) und damit zur Arbeiterschaft, letztlich dem ganzen
wissenschaftlich-technischen Fortschritt gegenüber, hat den Nachteil,
dass man sich auch um die Möglichkeiten ihres wirkungsvollen Einsatzes
bringt.
Das Mißtrauen des Spitzenklerus gegen die Weltchristen, die
eben nicht der Jurisdiktion unterstehen, führt schließlich dazu, dass
man Positionen, die ungleich besser mit Fachleuten ausgefüllt werden
könnten, mit höheren Klerikern, die nichts davon verstehen, besetzt.
Hiezu kommt überdies noch das ökonomische Moment, dass man
verheirateten
Weltchristen höhere Honorare zahlen müßte als zölibatär lebenden
Menschen. Ein Zurückschrauben des Aufwandes, das Geld schaffen würde,
will man hingegen nicht in Kauf nehmen. Nur weil dieser Hintergrund
gegeben ist,
34
erscheint es einfach unvernünftig, wenn man der
Kirche vorschlägt, sie solle sich so rasch wie möglich mit dem Projekt
eines christlichen Fernsehsputniks befassen. Sowohl die USA als auch
die UdSSR bechäftigen sich mit diesem Projekt und die ganze Welt kann
alsbald ein amerikanisches Fernsehprogramm ins Haus geliefert erhalten.
Die technischen Einrichtungen müßten wohl von einem der erwähnten
Staaten bezogen werden, aber das Programm müßte von internationalen
Weltchristen autonom gestaltet werden können. Es ist keine Frage, dass
nicht nur das alte, sondern auch das neue Italien christlich-kulturelle
Leistungen von Format zu bieten hatte und hat, doch muss ein solches
Programm alle produktiven Kräfte des Erdballs, soweit sie christlich
sind, zur Geltung bringen. Würde man dies wirklich tun, so dürfte es
überhaupt kein Problem sein, ein qualitativ so gutes Programm nach Ost
und West auszustrahlen, dass dieses auch Menschen interessiert, die
nicht katholisch sind. Würde ein christlicher "Telstar" jedoch ohne
Ziel betrieben wie etwa der Vatikansender, dessen Qualitätsarmut kaum
bestritten werden kann, dann hätte das Unternehmen keinen Wert.
Anmerkung:
Die technische Entwicklung bis hin zum Vielkanalfernsehen und zum
Internet bietet der Kirche heute alle nur möglichen massenmedialen
"Vertriebswege". Ähnlich wie politische und kommerzielle Angebote
besteht das Produkt "Kirche/katholisches Christentum" aus mehreren
Elementen: aus Personen
(Vorbilder, Interpreten), Glaubensinhalten
(Handlungsanweisungen) und Dienstleistungen
(Gottesdienste,
Sakramente). Werden diese nicht (mehr) angenommen, nützt auch das beste
"Marketing" nichts.
29.
Abschaffung des Zölibats für den Weltklerus
Es
ist völlig unnötig, dass Ehelosigkeit und Priestertum miteinander
verknüpft erscheinen, ein Faktum, das obendrein einen rosaroten oder
himmelblauen Anstrich erhält. Die Erklärung, dass die Ehelosigkeit
notwendig sei, weil sich der Priester "verströmen" müsse und für eine
Familie "keine Zeit" hätte, sind allesamt nicht stichhältig und graue
Theorie. Viel handfester und ehrlicher ist der ökonomische Grund, dass
verheiratete Priester zu teuer kämen. Hierüber wäre jedoch offen zu
reden.
Der größte Nachteil des Zölibates ist die Tatsache, dass er zu
einer Anreicherung von
infantilen Typen im Klerus führt. Ich sage
ausdrücklich Anreicherung, denn natürlich gibt es im Klerus auch
männliche Typen, welchen es trotz der negativen Erziehungsweise gelang,
Priester zu werden. Aber diese Anreicherung ist an sich schon eine üble
Sache. Mutterfixierte, die große Hemmungen der erwachsenen Frau
gegenüber haben, machen aus ihrer Unfähigkeit, die reife Frau seelisch
zu bestehen, dann die Tugend der "Reinheit". Diese hat nichts mit
Ehelosigkeit, ja im Grund auch nicht speziell etwas mit Sexualität zu
tun. Das "reine Herz" der Bergpredigt bedeutet wohl jene klare
Wahrhaftigkeit und Weltoffenheit, die in der kindlichen, ursprünglichen
Vertrauensseligkeit ihre minderdifferenzierte Unterlage hat.
Aber die pansexualistische Betrachtungsweise (der hl. Alfons meinte,
dass 99 Prozent aller Verdammten wegen Mißachtung des sechsten Gebotes
verdammt werden), liegt durch das Zölibat nahe. Eine weitere Folge der
Anreicherung unmännlicher Typen im Klerus ist das vielfach
anzutreffende unoffene Intrigantentum und ein Narzismus, der meint,
dass
man sich für die Eheentbehrung nun anderweitig schadlos halten dürfe.
Die
in der Ehe notwendig erlebte Verantwortung für andere - auch in einem
höchst realistischen, materiellen Sinn (die hungrigen Mäuler der
Kinder) - wird in eben jenem harten und nüchternen Sinn nicht
realisiert. Wir erhalten dann jene salbungsvolle
Scheinväterlichkeit,
die nur allzuoft an die Stelle jenes belastenden Wir-Bewußtseins eines
Familienvaters tritt (Ausspruch eines Pfarrherrn: "Ich hab's halt gut;
ich kann mein Bier allein trinken.").
Nun ist sicher, dass eine
allgemeine Liquidation des Zölibats nur möglich ist, wenn zugleich
damit eine umfassende Entfeudalisierung durchgeführt würde. Denn eine
Frau Bischof ohne einen Bischof, der sich des erzbischöflichen Palais
und aller Feudalismen entledigte, wäre geradezu unerträglich (15).
Schließlich
würde die Abschaffung des Zölibats auch noch die Re-Integration ganzer
Gruppen abgespaltener Christen wesentlich erleichtern. Denn ein
anglikanischer Priester mit Familie wird weit eher katholisch werden,
wenn ihm bei seinem Übertritt die Möglichkeit gegeben wird, Priester zu
bleiben - auch mit Familie.
Abschließende
Anmerkung zu den Thesen Wilfried Daims:
Wie dies oft
bei den Autoren von engagierten Thesen vorkommt, war der
Forderungskatalog Wilfried
Daims eine Mischung aus idealistischen, (real)utopischen
Ideen und konkreten,
praktikablen Vorschlägen. Die
Thesen wurden 1962, also noch vor dem Konzil und lange vor dem
Umbruchsjahr 1968 aufgestellt. Seither sind 45 Jahre vergangen. Es ist daher notwendig,
das überzeitlich Gültige vom
Zeitbezogenenen zu trennen. Das konnte in dieser Bearbeitung bisher nur
teilweise geleistet werden. Aber:
Die
fortschreitende Entchristlichung auch der österreichischen
Gesellschaft, die allgemein fühlbare Irrelevanz
kirchlicher Aussagen und Angebote zusammen mit dem drückenden Priestermangel
lassen einen Rückgriff auf "radikalere" Ansätze als die gegenwärtigen
innerkirchlichen Reformideen (z.B. die Priester- und Laieninitiativen)
geraten erscheinen. Vergleiche hiezu die Bemühungen der
gegenwärtigen Reformplattformen "Wir
sind Kirche" und "Laieninitiative".
Fußnoten
1)
Die geistigen Grundlagen vorliegender Arbeit, vor allem die The
se von
der "universellen Brüderlichkeit", wurden in meinem Buch:
"Die kastenlose
Gesellschaft", Manzverlag, München, 1960, erarbeitet.
Hier konnten die Begründungen nur kurz sein, jedenfalls nicht jenen
Raum einnehmen, der zu einem vollen Verständnis notwendig wäre. Daher
sei mit Nachdruck auf die grundlegenden Ausführungen im obigen Werk
verwiesen. Außerdem finden sich wesentliche Hinweise in meinem Buch:
"Zur Strategie des
Friedens. Ein neutralistisches Konzept".
Europa-Verlag, Wien 1962.
2) Joseph
Ratzinger: "Die christliche Brüderlichkeit", Kösel-verlag,
München 1960, S. 58
3)
Es ist ein lapidarer Unterschied, ob man gegen den Feudalismus oder den
Kapitalismus als System ist, oder ob man alle Aristokraten oder
Kapitalisten persönlich angreift, was ein Unrecht wäre. Denn
selbstverständlich vermögen Aristokraten prachtvolle Menschen zu sein,
die unendlich mehr Brüderlichkeit entwickeln, als aggressive Bürger,
aber dies nicht, weil es ihnen das Feudalsystem nahelegte,
sondern obwohl dieses ihnen das Gegenteil nahelegt. Es spricht dies
nicht für das System, sondern für die Einzelmenschen.
4) Ich verwendete den Ausdruck "sekundärfeudal" in
"Die kastenlose Gesellschaft".
5)
Vorläufer der vorliegenden Vorschläge waren: Zunächst mein Beitrag zum
Sonderheft von "Wort und
Wahrheit", XVI. Jg., Heft 10, Oktober 1961, S.
585. Vollständig und ergänzt erschien der gleiche Beitrag in
"Werkhefte, Zeitschrift
für Probleme der Gesellschaft und des
Katholizismus", 16. Jg., Heft 1, Jänner 1962. Gemeinsam
mit Beiträgen
von Leo Gabriel, Friedrich Heer, August M. Knoll und Hans Kriegl
erschienen einige der vorliegenden Gedanken in
"Österreichische
Academia", der Zeitschrift des ÖCV, 13. Jg., 6, 1961/62, unter dem
Titel "Kirche auf der Höhe der Zeit", S. 6. Dieser Beitrag sollte eine
Diskussion einleiten. Im folgenden Heft erschien denn auch eine
schwache Reaktion niedrigen intellektuellen Niveaus. Danach wurde
jedoch die weitere Diskussion abgewürgt. Ein Brief, den ich an
den Vorsitzenden des ÖCV-Beirates, Dr.
Eduard Chaloupka, richtete, in
welchem ich energisch eine Fortsetzung der Diskussion forderte, blieb
unbeantwortet. Der Weg zu einer roncallistischen Liberalisierung der
Kirche in Richtung auf Diskussions- und Redefreiheit ist dornenreich.
Man muss hier jedoch beachten, dass die Kirche eine jahrhundertlange
despotische Tradition hat und eine solche historische Unterlage ähnlich
schwer überwunden wird wie die des Bolschewismus, dem eine
jahrhundertlange zaristische Despotie vorausging.
6) Vgl. "Österreichische
Academia", 13. Jg., 7,1961/62, S. 10.
7) Vgl. Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 22. Jänner 1963, S. 12.
8)
Vgl. "Wort und Wahrheit",
Jänner 1963; Piet Fransen:
Die erste Session
des Konzils. Verlauf, Ergebnisse, Schwerpunkte u. Mängel, 24.
Es
ist bemerkenswert, dass sich ein solcher Aufsatz in einer sonst
reichlich rechten Zeitschrift findet, die hinsichtlich ihrer
politischen Haltung durchaus pacellistisch ist. Dies ist verständlich
durch ihre enge Bindung zur CDU. Nicht umsonst gehören der Redaktion
zwei frühere Nationalsozialisten (Otto
Schulmeister, Anton Böhm) an. Katholische frühere
Nationalsozialisten neigen dazu, ihren linkskatholischen
Brüdern die gleiche Naivität
gegenüber dem Kommunismus zuzutrauen, die sie selbst gegenüber dem
Nazismus zeigten. Typisch ist hier die Ablehnung der roncalistischen
Haltung im Hinblick auf den Kommunismus.
Vgl. Wort und Wahrheit
Dezember 1962 "Kirche in Ost und West. Ausgaben der Friedensmission und
Versuchungen der Koexistenz".
9 ) Vgl. "Die kastenlose
Gesellschaft", S.
336 ff.
10) Vgl. meine diesbezüglichen Ausführungen in meinem
Buch: "Strategie des
Friedens. Ein neutralistisches Konzept" in der
Reihe Europäische Perspektiven, Europa-Verlag, Wien 1962. Eine
Auflösung des Deutschen Ritterordens würde, wie etwa die praktisch
durchgeführte Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, in die neue Linie der
vatikanischen Politik passen. Das historische Trauma, das der Deutsche
Ritterorden innerhalb der Ostvölker hinterließ, könnte so geheilt
werden.
11) Die Kirche könnte so jenen Liberalisierungsprozeß vorleben, den wir
auch vom Kommunismus wünschen.
12) Vgl. Wort
und Wahrheit, Jänner 1963, S. 15.
13) Pius XII.:
Über das Laienapostolat, Ansprache an die Teilnehmer am
Kongreß für das Laienapostolat in Rom am 14. Oktober 1951. (Zitiert
nach August M. Knoll: Katholische Kirche und scholastisches Naturrecht.
Zur Frage der Freiheit. [Europa-Verlag, Wien, 1962].)
14) Adolf
Hitler: Mein Kampf, 419. bis 423. Auflage, 1939, an
mehreren Stellen, z. B. Seite 320.
15) Es soll hier keineswegs die Frau herabgesetzt werden. Es ist jedoch
eine allgemeine Erscheinung, dass jemand, der seine "Würde", seine
"Position", seine Stellung sekundär gewinnt, sich also eine
Identifikationsschicht auf eine völlig anders geartete lagert, aus der
Unsicherheit der Konfliktkonstellation sehr oft eine überdeterminiert
das Sekundärbehaviour unterstreicht. Der Typus "Neureicher", der
sekundärfeudale Nazi gehören dazu, aber auch jene Frau Doktor oder Frau
Minister, die nicht selbst Doktor oder Minister ist, diese Titel
vielmehr als Frau ihres Mannes, der Doktor oder Minister ist, erhält.
Die echte Frau Doktor neigt ebensoviel oder ebensowenig wie ein Herr
Doktor zu übertriebener Würdedemonstration. Da eine Frau Bischof ihren
Titel jedoch sekundär erhielte, würde bei einem großen Teil dieser
Frauen ein superbischöfliches Behaviour anzutreffen sein.
Quelle: Daim/Heer/Knoll,
Kirche und Zukunft, Europa-Verlag, Wien, 1963
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